Sobald die Hybridzüchtung bei Kartoffeln gelungen ist, soll in einem nächsten Schritt Kartoffelsaatgut entstehen.
Hybridzüchtung
Vorbereitung auf die Champions League
Das volle Potenzial von Hybridzüchtung zu nutzen, ist eines unserer Spielfelder der Strategischen Planung 2035. Aber wie bereiten wir uns als Team eigentlich darauf vor?
Nach dem Spiel ist vor dem Spiel – was im Fußball gilt, können wir ebenso für unsere Züchtung sagen. Denn obwohl mehrere unserer Kulturarten wie Mais, Zuckerrübe, Roggen oder Raps schon erfolgreich bei den Hybriden mitspielen, sind andere wie Weizen, Gerste oder Kartoffel noch auf der Bank. Unser Plan: sie jetzt fit für das Spiel machen.
Hybridzüchtung nutzen wir bei KWS täglich, sie ist fester Bestandteil unseres Erfolgs. Besonders im Raps und im Mais haben wir in den vergangenen Jahren dank unserer züchterischen Fortschritte einen enormen Aufschwung miterlebt (siehe „Eine Guerilla-Frucht wird Marktführer“, KWSintern 02.24). Was bei Hybridzüchtung jedoch zu beachten ist: Die Vorbereitung im Trainingslager benötigt Zeit, Know-how und Investment (siehe Infografik „So funktioniert Hybridzüchtung“, KWSintern 02.25). Ist das Programm aber erst einmal etabliert, kann es deutlich schneller sein als die konventionelle Züchtung.
„Um mit unseren Hybriden im Markt erfolgreich zu sein, benötigen wir erfolgreiche Züchtungsprogramme, die dann für einzelne Märkte noch angepasst und optimiert werden können“, so Harold Verstegen, Strategic Program Lead. „Mittlerweile sind wir bei Gerste, Weizen und Kartoffel überzeugt, in den Wettbewerb einsteigen zu können. Daher finden sie sich in unserer SP35 wieder. Das heißt jedoch nicht, dass wir schon einen genauen Zeitplan dafür definieren, denn es können immer noch Hürden auftreten, die zu Verzögerungen führen.“
Gerste
Die Hybridgerste steht bereits auf dem Spielfeld: 2024 haben wir die erste Hybridsorte in Großbritannien auf den Markt gebracht. Herausforderung: Gerste ist ein Selbstbefruchter. Um aber, wie in der Hybridzüchtung notwendig, Pflanzen zielgerichtet miteinander kreuzen zu können, nutzen wir für Gerste eine männliche Sterilität. Für Fremdbefruchter wie Mais oder Roggen ist dies einfacher – Kreuzungen in der Gerste sind dagegen herausfordernder. Nach England sind Deutschland, Frankreich und weitere Länder als nächste Märkte für Hybridgerste geplant (siehe „Architektin für Hybridgerste“, KWSintern 02.25).
Weizen
Lange wurde beim Weizen überlegt, ob Hybride überhaupt sinnvoll und umsetzbar sind, denn seit den 1970er-Jahren sind viele Versuche erfolglos geblieben. Weizenpollen sind eher schwer und nicht lange überlebensfähig, wenn sie zu Boden fallen – das erschwert die Kreuzung während der Basissaatgutproduktion erheblich. Daher nutzen wir ein anderes Sterilitätssystem, das einige der Schwierigkeiten ausgleichen soll: das BLA-System. BLA steht für „Blue Aleurone“, eine natürliche blaue Pigmentierung in der Aleuronschicht des Getreidekorns. Spielvorteil daran: Die weibliche Elternpflanze wächst und bestäubt sich selbst wie eine herkömmliche Weizensorte, produziert dabei jedoch weiße und blaue Körner. Die blauen Körner können Pollen ausbilden und werden über Selbstung zum Erhalt (Maintainer) der weiblichen Pflanzenlinien genutzt. Für die eigentliche Produktion der Hybriden interessant sind wiederum die weißen Körner: Sie sind männlich steril, bilden also keinen Pollen aus und können zur Hybridsaatgutproduktion genutzt werden.
Unsere Optimierung des seit den Achtzigerjahren existierenden BLA-Systems hat in Zusammenarbeit mit der Universität von Sydney über zehn Jahre gedauert. „Bei Hybridzüchtung muss man langfristig denken“, so Harold. „Die Industrie hat jahrzehntelang daran gearbeitet, die Hybridzüchtung für Mais zu verbessern, noch länger für Zuckerrübe und Roggen – jetzt trainieren wir die anderen Kulturarten wie Weizen.“
Kartoffel
Kartoffeln stellen die Züchtung vor andere Herausforderungen: Die größte Aufgabe hier ist es, funktionierende Inzuchtlinien für die Hybridzüchtung herzustellen. Heutige Kartoffelsorten sind tetraploid, das heißt, sie verfügen über vier Chromosomensätze. Jede Eigenschaft liegt also in bis zu vier unterschiedlichen Ausprägungen vor. Das führt dazu, dass sich bei Kreuzungen die Eigenschaften deutlich mehr aufspalten und sich das Erscheinungsbild von Generation zu Generation immer stärker verändert. Unser Ziel ist es, wettbewerbsfähige diploide Kartoffeln mit zwei Chromosomensätzen zu züchten. Das ist jedoch leichter gesagt als getan: Die meisten diploiden Kartoffeln sind selbstinkompatibel, was die Erzeugung vollständig reinerbiger Inzuchtlinien erschwert.
Ein erfolgreiches Hybridprogramm wäre dann auch die Grundlage für Kartoffelsaatgut, auch „true potato seed“ genannt: Klassischerweise werden Kartoffeln als Knollen vermehrt und gepflanzt. Kartoffelsaatgut bringt hingegen erhebliche Vorteile mit sich: In der Produktion kann eine 10.000-fache statt einer 10-fachen Vermehrung stattfinden, die Lagerung kann von einem Jahr auf drei Jahre ausgedehnt werden.
Herausforderungen bei der Verwendung von Kartoffelsaatgut sind eine geringe Keimfähigkeit, die hohe Empfindlichkeit gegenüber Umweltstress sowie eine langsame anfängliche Pflanzenentwicklung.
In den vergangenen fünfzehn Jahren haben wir an all diesen Punkten intensiv gearbeitet und in jedem Bereich spürbare Fortschritte erzielt. Der nächste Schritt besteht nun darin, diese Fortschritte in ersten Versuchsprodukten (Testsorten) zusammenzuführen, um stabile Erträge und eine verlässliche Qualität zu erreichen.
„Gerste, Weizen und Kartoffel können die Topspielerinnen und -spieler von morgen werden“, sagt Harold. „Denn mit dem Know-how aus unserer Züchtung und der Nähe zu den Märkten wissen wir, was zu tun ist. Unsere Ambition und Sorgfalt machen uns bei KWS reif für die Champions League.“ |
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